Die Bücher: Geschichten mit Herz und Verstand
Tauchen Sie ein in die literarische Welt von Teufelswerke, wo Humor, Ironie und tiefgründige Episoden aus dem Leben des Protagonisten KARL warten. Entdecken Sie Bücher, die nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen.

Einzigartiger Stil, unvergessliche Geschichten
Die Bücher zeichnen sich durch einen literarisch unprätentiösen Stil aus, der durch feinen Humor, leichte Ironie und gelegentlichen Sarkasmus besticht. Statt eines klassischen Spannungsbogens erleben Sie Episoden aus dem Leben des Protagonisten KARL, die Sie fesseln und zum Schmunzeln bringen werden. Entdecken Sie Erzählungen, die jenseits des Gewöhnlichen liegen.
CAROLUS STUDIOSUS
Inhaltsübersicht
Ein romantisches Semester
Randale im Hofgarten
Flucht aus Bonn
Moin, Moin
Drogen aus Amsterdam
Gaudeamus igitur zweiter Teil
Liebe und Kabale im Tennisclub
Eine nordische Karnevalsprinzessin
Anwaltliche Ethik
Rechtsfrieden durch Arbeitsökonomie
Amtsgerichtliche Burlesken
Sabine
LESEPROBE:
Ein romantisches Semester
„Wenn ich die Krawatte an den Türgriff hänge, heißt das, dass Hanne bei mir zu Besuch ist“.
Karl verstand. Sein Freund und Mitbewohner Hans wünschte dann, in trauter Zweisamkeit mit seiner Freundin ungestört zu bleiben.
Seit einer Woche wohnten Karl und Hans in einer gemeinsam angemieteten Wohnung in der Rheinaustrasse in Bonn-Beuel. Sie verfügten über ein Wohnzimmer mit einem kleinen Fenster zur Straße, ein Schlafzimmer mit Blick auf einen Hinterhof, eine Küchenzeile ohne Wasser und ein winziges Badezimmer, das gerade groß genug für Badewanne und Toilette war.
Die Badewanne hatte zusätzliche Funktionen zu erfüllen. Hier holten sie das Wasser zum Kochen, und hier luden sie das schmutzige Geschirr ab. Das war nicht gerade gehobener Standard, aber immerhin vermittelte ihnen dieses Badezimmer ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Wohnsituation anderer Kommilitonen. Im Haus wohnten noch ein Geologie-Student und eine mäßig hübsche Studentin, die das Lehramt anstrebte, beide ohne Duschmöglichkeit in ihren kargen Zimmerchen. Schon kurz nach ihrem Einzug waren Karl und Hans daher freundlichen Anfragen ausgesetzt, ob man gelegentlich bei ihnen baden dürfe. Sie durften. Der Geologe hatte fünfzig Pfennige zu zahlen, die Studentin musste das in der Badewanne gestapelte Geschirr spülen, bevor sie in die Wanne steigen konnte.
Karl und Hans kannten sich aus der Schulzeit und hatten sich als Studenten in Bonn zufällig wieder getroffen. Karl war zunächst weit außerhalb von Beuel in einem kleinen Dorf am Rande des Siebengebirges untergekommen, Hans hatte übergangsweise bei seinem Schwager gewohnt. Eines Tages war er auf Karl zugekommen und hatte mitgeteilt, er habe die Möglichkeit, eine kleine Wohnung am Fuße der Kennedy-Brücke auf der Beueler Seite anzumieten. Er hatte erläutert:
„Eigentlich habe ich für Hanne und mich eine gemeinsame Bleibe gesucht. Aber als sie ihren Eltern darlegte, sie wolle jetzt mit mir zusammenziehen, bekam sie ein striktes Nein zu hören. Dann habe ich an dich gedacht. Es wäre zu schade, die Wohnung sausen zu lassen“.
Karl lachte.
„Wenn ich nicht mit dir in einem Zimmer schlafen muss, bin ich interessiert. Was kostet die Wohnung?“
Die Aufteilung der Räumlichkeiten hatte keine Probleme bereitet. Karl legte Wert auf ein richtiges Bett, er bekam deshalb das kleine Schlafzimmer, in welchem sie sich den Kleiderschrank teilten. Das Wohnzimmer war zur gemeinsamen Nutzung, die Couch diente Hans zum Schlafen. Als Kompensation für eingeschränkten Schlafkomfort beanspruchte er ein exklusives Nutzungsrecht für die Zeiten, in denen seine Freundin Hanne zu Besuch war. Da es kein Türschloss gab, ersetzte die Krawatte am Türgriff die Erklärung, dass er dieses exklusive Nutzungsrecht jetzt geltend mache.
Das Haus in der Rheinaustrasse schien aus der Zeit der Beueler Schanze zu stammen, es war uralt, bot aber gewaltige Vorteile. Zum einen war die Miete günstig, zum anderen konnte Karl fußläufig über die Kennedy-Brücke die Uni erreichen. Dazu kam, dass das Bahnhöfchen, eine urtümliche Bierschänke, kaum hundert Meter entfernt lag. Das Haus war schmal und lag zwischen zwei geringfügig jüngeren Häusern eingeklemmt. Der letzte Außenanstrich musste aus der Vorkriegszeit stammen. Es gab vier Stockwerke, die über eine knarzende Holztreppe miteinander verbunden waren. In den unteren beiden wohnte das Vermieter-Ehepaar mit zwei Töchtern im heiratsfähigen Alter, im dritten Stockwerk befand sich links der Treppe die Wohnung von Karl und Hans. Rechts der Treppe war auch eine Wohnungstür, die Wohnung war aber nicht genutzt, sie diente augenscheinlich als Abstellkammer. Im Dachgeschoß hausten der angehende Geologe und die PH-Studentin.
Hans hatte irgendwann in den ersten Tagen versucht, Karl dazu zu bewegen, mit der hübscheren der beiden Töchter anzubändeln, aber der hatte das Ansinnen nachhaltig zurückgewiesen. Seine alte Jugendfreundin Uta war in Bonn, da hatte er anderes im Sinn.
Karl studierte Jura. Es war eigentlich sein zweites Semester. Nach dem Abitur hatte er sich alsbald eingeschrieben, aber noch während des Semesters hatte ihn ein Musterungsbescheid ereilt. Als er erfuhr, dass man beim Bundesgrenzschutz besser bezahlt wurde, hatte er sich dort beworben. Die mathematischen Aufgaben bei der Aufnahmeprüfung waren zwar eine Herausforderung für ihn als Humanisten, aber als er nach einem Langstreckenlauf zehn Klimmzüge problemlos bewältigt hatte, war man von seiner Fähigkeit, die Zonengrenze verteidigen zu können, überzeugt.
Aus dem abgebrochenen ersten Semester hatte Karl an juristischen Lehrinhalten nichts mitgenommen, er wusste nur, wo die Mensa, das Studentenkino und das Freibad zu finden waren. Das zweite Semester, nach Erfüllung seiner Pflichten für das Vaterland, hatte zunächst so begonnen wie das erste zu Ende gegangen war: die Aneignung juristischer Kenntnisse hatte keine Priorität. Er besuchte zwar seine Vorlesungen, ging auch gelegentlich in das juristische Seminar, aber zielstrebiges Arbeiten lag ihm noch fern. Als er seine erste Hausarbeit im Strafrecht in Form eines Aufsatzes abgeliefert hatte, empfahl man ihm, das Studienfach zu wechseln. Dies hatte ihn damals nicht sonderlich beunruhigt. Er fühlte sich noch jung und meinte das Recht zu haben, den in der Kaserne erlittenen Mangel an Lebensqualität nachholen zu dürfen.
Diese Leichtigkeit des Seins war aber unvermittelt verflogen, als sein Vater ihm mitgeteilt hatte, dass er das Studium nicht mehr finanzieren könne, weil sein Unternehmen insolvent geworden war. Karl musste sich von seinem wunderschönen kleinen englischen Roadster, einem MGA mit 1500 ccm und 72 PS, trennen und um Unterstützung nach dem BAFöG bemühen. Bis zu dessen Bewilligung hatte er sich über einen Job in der Registratur einer Schmirgelfabrik, den ihm ein Freund kurzer Hand vermitteln konnte, finanziert.
An seine Zeit beim Bundesgrenzschutz dachte Karl mit gemischten Gefühlen zurück. Die hohen körperlichen Anforderungen entsprachen seinen Vorstellungen. Wenn sie im Feld übten, meldete er sich freiwillig als Schütze am Maschinengewehr, obwohl das Teil ein irrsinniges Gewicht hatte. Die Phase des Cowboy-und-Indianer-Spielens wirkte bei ihm noch fort. Bei Langstreckenläufen machte er sich einen Spaß daraus, der Spitzengruppe hinterher zu laufen, sie anzufeuern und auf den letzten hundert Metern mit einem Sprint an ihr vorbei zu ziehen. Den Rest des Dienstes verabscheute er. Er empfand es als Zumutung, dass Leute, die er aufgrund ihres Bildungsstandes der Plebs zurechnete, berechtigt waren, ihn zu drangsalieren. Subordination war nicht seine Stärke. Und so war es nicht ausgeblieben, dass er bei Dienstende statt eines Ordens mehrere Disziplinarstrafen mitnahm. Diese hatte er sich mit Wachvergehen während seiner Zeit bei der Wachhundertschaft in Bonn verdient. Noch Jahre später erzählte er mit Amüsement von diesen Vorfällen. Und er ließ nie aus, zu berichten, wie sein Vater als stolzer Ex-Wehrmachts-Offizier - ein Miles Gloriosus wie Peter Bamm in seinem Werk Eines Menschen Zeit diese Spezies nannte - jedes Mal einer Ohnmacht nahe gekommen war, wenn sein Sprössling lachend von den Eskapaden beim Wachdienst erzählte.
Es war ein kalter Winter gewesen, als Karl im Park des Bundeskanzleramtes missmutig Streife gelaufen war. An einem der Weihnachtstage hatte er beobachten können, wie der amtierende Kanzler Kiesinger vor seinem Bungalow mehrere Besucher empfing. Später im Wachlokal hatte er missmutig zu seinen Kameraden gesagt:
„Wenn wir heute Nacht bei acht Grad Minus im Park herumlaufen, liegt der alte Nazi genüsslich unter einer Daunendecke und verdaut seine Weihnachtsgans“.
„Ich bin für das Pförtnerhaus eingeteilt“, antwortete ein Kollege, „da ist es nicht ganz so kalt. Komm doch bei mir vorbei. Ich habe ein Kartenspiel bei mir“.
„Und die Kontrolle? Der Leutnant soll angeblich selbst Stichproben machen“, gab Karl zu denken.
„Nicht an Weihnachten, der hat doch Familie“, spielte sein Kollege das Risiko herunter.
Nun, es war dann nicht der Leutnant, sondern der diensthabende Feldwebel, der Karl beim Kartenspiel im Pförtnerhaus auffliegen ließ.
Er wusste nun, dass tatsächlich kontrolliert wurde, ob die Wachposten sich genau an ihre Vorgaben hielten. So wunderte er sich nicht, als er hörte, dass Kollegen beim Radfahren erwischt worden waren. Sie hatten in einem Geräteschuppen des Bundeskanzleramtes Fahrräder entdeckt und sich die Zeit mit kleinen Wettfahrten quer durch das weitläufige Parkgelände vertrieben.
Die Disziplinarstrafen waren aber zu milde, um den Spaß zu verderben; jeder Vorfall sorgte für unterhaltsamen Gesprächsstoff. Karl sollte Gelegenheit bekommen, zum Amüsement beitragen zu können.
Als er in einer dunklen Nacht wieder einmal freudlos zwischen den wohlgepflegten Sträuchern, Bäumen und Rabatten des Bundeskanzleramtes seine Bahnen zog, glaubte er plötzlich, ein Rascheln hinter sich zu hören. Er blieb stehen und lauschte. Das Geräusch war verstummt. Er ging langsam weiter und horchte konzentriert. Als er in seinem Rücken das leise Knacken eines Zweiges vernahm, wusste er Bescheid: der Leutnant war auf Kontrolltour. Er überlegte kurz, ob er ihn ansprechen sollte. Nein, dachte er, daraus mache ich ein Späßchen. Er ging weiter und löste unauffällig die Schnalle seiner Pistolentasche. Dann wendete er sich mit einem Sprung herum, riss gleichzeitig die Waffe aus dem Holster, entsicherte sie hörbar und rief:
„Sofort mit erhobenen Händen hervorkommen, sonst schieße ich“.
„Stopp, stopp, ich bin es“, antwortete der Leutnant mit unsicherer Stimme und trat auf den Weg. Karl gab sich überrascht, steckte seine Pistole weg und machte eine formvollendete Meldung. Das gab dem Leutnant die notwendige Zeit, seine Rolle wiederzufinden.
„Wenn Sie nicht im Pförtnerhaus pennen, sind Sie ja zu gebrauchen. Weitermachen!“, sagte er herablassend und ging seines Weges.
Karl ärgerte sich über diesen Ton. Der Leutnant war ein hochgewachsener gut aussehender Mann, höchstens drei Jahre älter als er, und mit seinem kurzen blonden Haarschnitt hätte er das Cover einer Zeitschrift für Arier zieren können. Er war außerdem ein guter Handballspieler und Karl empfand eine gewisse Bewunderung für ihn. Hätte ihn ein Unteroffizier in dieser Situation derart abgekanzelt, wäre dies hinzunehmen gewesen; sie waren in Karls Augen bildungsferne Rüpel in Uniform. Der Leutnant aber war wie er ein Abiturient, da hatte man einen anderen Umgang zu pflegen.
Karl musste bis zur Ablösung noch eine Stunde Streife laufen. Das ließ ihm die Zeit, sich in seinen Frust hineinzusteigern. Ihm kam, wie es bei Gedemütigten häufig der Fall ist, der von finsteren Revanchegelüsten unterlegte Spruch in den Sinn: Man sieht sich im Leben zwei Mal. Die hiermit verbundene Hoffnung auf Genugtuung schafft der verletzten Seele etwas Erleichterung, auch wenn die Hoffnung meistens trügt. Hätte Karl nur entfernt ahnen können, dass das Schicksal, er nannte es gerne „die Götter“, dieses zweite Mal für ihn tatsächlich vorgesehen hatte, er wäre fröhlich pfeifend bis zum Ende seiner Wache durch den Park spaziert.
Ein ernstes Wachvergehen hatte Karl sich im Ministerium des Inneren geleistet. Dort lief man über endlos scheinende Flure durch das ganze Haus und hatte sich alle zwanzig Minuten zu melden. Als Karl am Zimmer eines Ministerialdirektors vorbei kam und durch die offen stehende Tür den imposanten Schreibtisch sah, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auf dem üppigen Sessel hinter dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er wollte wissen, wie es sich anfühlt, ein wichtiger Mensch zu sein. Seine Besoldungsgruppe als Grenzjäger war A 1, hier saß einer mit B 9. Als er sich umsichtig gesetzt hatte, fragte er sich, worin die Tätigkeit eines ranghohen Beamten mit solch einem gewaltigen Schreibtisch wohl bestehen könne. Die Antwort lieferte er sich selbst: er nickte kurzzeitig ein.
Aber der viel gerühmte Beamtenschlaf gilt zu Unrecht als erholsam. Als Karl erschrocken hoch fuhr und sich umgehend bei der Wache meldete, schrie man ihn an:
„Sie gottverdammter Idiot, noch eine Minute und wir hätten Großalarm ausgelöst. Nach dem Wachdienst morgen melden Sie sich bei Ihrem Hundertschaftsführer!“
Das Wachvergehen mit dem höchsten Spaßfaktor blieb allerdings unentdeckt und deshalb auch ungesühnt. Im Außenbereich des Auswärtigen Amtes wurde Doppelstreife gelaufen, weil es einmal einen Angriff gegeben hatte. Einer von Karls Kollegen hatte entdeckt, dass im Gerätehaus des Gartenpersonals Schubkarren standen. Daraus hatte er die Idee entwickelt, eine neuartige Waffengattung zu kreieren, die er leichter Panzer mit Handantrieb nannte. In einer dieser unendlich langweiligen Nächte auf Streife holte er eine Schubkarre, forderte Karl auf, sich in die Schubkarre zu setzen und seine Pistole am gestreckten Arm vor sich zu halten. Dann hob er die Schubkarre an und sie begannen ihre Tour um das Gebäude und die Außenanlagen.
„Attacke von rechts“, rief Karl lachend, „im Laufschritt links ausweichen!“, oder auch: „Achtung, DDR-Grenzposten in Sicht, Gefechtsformation einnehmen!“
So amüsierten sie sich nach Herzenslust.
Als sie in Sichtweite der Adenauer-Allee kamen, sprang Karl aus der Schubkarre und steckte seine Pistole schnell ein.
„Was soll das“, maulte sein Kollege, „jetzt kommt der lustigste Teil der Strecke“.
„Du spinnst wohl, wenn jemand hier vorbeifährt und uns so sieht, ist der ganze Bundesgrenzschutz blamiert“, opponierte Karl.
Er stand für Lustbarkeiten immer bereit, auch wenn sie mit persönlichen Risiken verbunden waren, aber den staatlichen Institutionen brachte er vollen Respekt entgegen. Der Bundesgrenzschutz als Bundespolizei zählte für ihn dazu. Er hasste zwar die Öde des täglichen Dienstes in untergeordnetem Dienstrang, aber die Notwendigkeit hoheitlicher Gewaltausübung stand für ihn nicht zur Disposition. Da hielt er es mit dem Jesusjünger Paulus, der im Römerbrief 13 die Notwendigkeit einer gewaltgestützten Staatlichkeit reflektiert hatte. Karl taugte nicht zum Revolutionär. Für die außerparlamentarische Opposition und deren Polithappenings hatte er kein Verständnis. Das einzig Faszinierende daran blieben für ihn die Berichte über die Kommune eins und über deren freizügigen Umgang miteinander. Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment, diesen Spruch fand er obszön und gleichzeitig prickelnd. Die Vorstellung, wie es bei den Kommunarden zugehen musste, vermittelte ihm als ehemaligem Klosterschüler einen voyeuristischen Schauer. In den tätlichen Auseinandersetzungen bei Demos stand er aber fest auf der Seite der Kollegen von der Bereitschaftspolizei. Er ahnte damals noch nicht, dass er diesem Prinzip in einem sehr besonderen Fall untreu werden musste.
Erst Jahre später dachte er darüber nach, ob der Kampfspruch der „68er“ Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren, tatsächlich einen Missstand beschrieb, dass es nämlich in der Politik, der Verwaltung, dem Justizapparat und in den Hochschulen weiterhin von ehemaligen Nazis wimmelte, und ob es ein Verdienst der Studentenrevolte war, dass man sich überhaupt mit der moralischen Aufarbeitung der Nazi-Zeit beschäftigte. Jähner lehnt in seinem Werk „Wolfszeit“ diese Betrachtung als zu holzschnittartig ab, und wenn man bedenkt, dass selbst Eisenhower im Jahre 1952 in einem Interview dafür eingetreten war, sich der Zukunft statt der Vergangenheitsbewältigung zu widmen, dass er sogar von einer pauschalen Verurteilung aller Angehöriger der Waffen-SS Abstand genommen hatte - Rache und Strafe für Vergangenes seien keine Kategorien der Politik, diese habe sich mit dem gegenwärtigen und künftigen Wohlergehen des Volkes zu befassen -, dann reduziert sich die politische Rechtfertigung der „68er“ darauf, überkommene Denkstrukturen aufgebrochen zu haben. Die strafrechtliche Aufarbeitung der von den Nazis begangenen Verbrechen hatte ja begonnen, zunächst von den Siegermächten, und seit 1963 auch von deutschen Gerichten. Karl war lange der Überzeugung gewesen, dass die Generation der Eltern sich angesichts der eigenen Leiden und Entbehrungen im Nachkriegsdeutschland in eine Opferrolle gedrängt habe, während sie in Wahrheit die Untaten des Nazi-Regimes zumindest durch Wegsehen ermöglicht hatten. Er war sich inzwischen nicht mehr so sicher, ob ein kollektiver Schuldvorwurf angebracht war. In jedem Fall musste seine Generation verhindern, dass eine Regierung jemals wieder in die Lage kommen könnte, dem Volk freie Information vorzuenthalten und eine Einheitsmeinung aufzuzwingen. Meinungs- und Demonstrationsfreiheit waren Sakramente der Demokratie.
Aber die gewalttätigen Exzesse der aktuell vom linken AStA gesteuerten Studentenrevolte entbehrten in Karls Augen dennoch jeglicher Berechtigung. Sicherheit und Ordnung im Alltag waren unverzichtbar für ein regelbasiertes Zusammenleben. Er hätte auch niemals daran gedacht, die militärischen Einrichtungen der Amerikaner in der Bundesrepublik in Frage zu stellen, obwohl ihn deren Vietnamkrieg zutiefst empörte. Sein Protest erschöpfte sich im andächtigen Mitsingen von Bob Dylans Masters of War.
Dabei war ihm Gewaltanwendung keineswegs fremd, er hatte schon als Pennäler gegen den Willen seiner Mutter regelmäßig eine Boxschule besucht, an Wettkämpfen teilgenommen und bei gelegentlichen Kneipenschlägereien austeilen sowie einstecken gelernt. Auch militärische Gewaltanwendung befürwortete er rückhaltlos, solange sie defensiven Zielen diente. Das Recht auf effektive Verteidigung hatte für ihn einen hohen Stellenwert, auch im persönlichen Bereich. Gegen Angriffe hatte man sich zur Wehr zu setzen, selbst wenn man Risiken lief. Aggressive Zeitgenossen durften nicht durch passives Verhalten ermutigt werden. Dieser Fall trat jetzt gerade ein.
„Du bist eine feige Sau“, raunzte der Kollege unwillig, als Karl sich weigerte, die lustige Wachformation entlang der Adenauer-Allee fortzusetzen, „lass´ dich in die Feldküche versetzen“.
„Das sagst du nicht nochmal, sonst gibt es Ärger“, erwiderte Karl mit erhobener Stimme.
„Willst du dich mit mir anlegen?“, drohte der Kollege, „das dauert keine Minute, bis ich dich Wurm umgehauen habe“.
Dabei baute er sich in voller Größe vor Karl auf. Er war einen halben Kopf größer und deutlich kräftiger als Karl. Der trat einen Schritt zurück und sah sein Gegenüber prüfend an. Von dem gemeinsam erlebten Spaß war nichts mehr übrig geblieben, sein Kollege entpuppte sich als dummdreister Straßenschläger. Karl wäre einer körperlichen Auseinandersetzung im Normalfall eher aus dem Weg gegangen. Jetzt lag die Herausforderung aber auf dem Tisch, verbunden mit dem Vorwurf der Feigheit. Das konnte und wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Er antwortete in bemüht ruhigem Ton:
„Darauf sollten wir eine Wette abschließen. Nach Dienstschluss gehen wir in die Sporthalle und holen uns Boxhandschuhe. Dann klären wir das. Oder du entschuldigst dich jetzt und hier“.
„Ich mich entschuldigen?“
Karls Kollege war jetzt richtig wütend geworden.
„Ich sage nochmal: eine Minute, länger gebe ich dir nicht, ob mit oder ohne Boxhandschuhe“, erwiderte er abschließend und gab Karl einen derben Stoß.
Die Nachricht von dem Zweikampf machte schnell die Runde, und so kam es, dass ein Dutzend weiterer Kollegen als Zuschauer in der Sporthalle anwesend waren. Einen Boxring gab es nicht und man musste ein Feld provisorisch markieren. Da man keinen Schiedsrichter hatte, der Rundenzeiten hätte stoppen können, einigte man sich darauf, zu kämpfen, bis einer durch Ausstrecken des rechten Arms signalisierte, er wolle aufgeben. Karl zog die Turnschuhe aus, weil er befürchtete, auf dem griffigen Hallenboden bei einem schnellen Sidestep mit der Sohle hängen zu bleiben, wobei der Fuß umschlagen konnte. Seine bis zum Knöchel reichenden Boxstiefel lagen zuhause bei seinen Sportsachen. Als sein Gegner die nackten Füße sah, lachte er den Zuschauern zu und sagte:
„Der hält sich wohl für Tarzan“.
Karl war keineswegs überzeugt, den Fight zu gewinnen. Sein Gegner hatte aufgrund seiner Größe eine längere Reichweite. Und bei dem höheren Körpergewicht konnten dessen Schläge nachhaltige Wirkung haben, er musste höllisch aufpassen, keine direkten Treffer zu kassieren. Er wollte seinen Gegner reizen, um ihn zu unbedachtem Prügeln zu verleiten. Das würde Kraft kosten und irgendwann dazu führen, die Deckung zu vernachlässigen. Deshalb sagte er zu den Zuschauern gewandt:
„Meinetwegen Tarzan gegen Großmaul. Wer von euch wird danach seine Eltern benachrichtigen?“
Alle lachten, auch wenn die meisten Karls Chancen als gering einschätzten. Im Boxsport ist es üblich, dass die Gegner kurz ihre behandschuhten Fäuste gegeneinander halten, bevor sie den Kampf beginnen. Auf diese Geste sportlicher Achtung wurde verzichtet, Karls Gegner war ungeduldig, er stand schon breitbeinig in der Mitte des Feldes und rief:
„Los, komm, dein Schicksal wartet“
Karl ging mit ruhigem Schritt auf ihn zu und nahm Haltung ein, den linken Fuß nach vorne zum Gegner gewandt, das Kinn hinter der linken Schulter verborgen, die Ellenbogen zum Schutz der Magengrube angezogen und die behandschuhten Fäuste als Deckung vor den Kopf gehoben. Das Gewicht lagerte auf dem linken Fuß, das rechte Bein stand breit abgewinkelt dahinter. Die Beinarbeit war kampfentscheidend, man musste permanent unterwegs sein, das Gewicht verlagern, seitlich oder rückwärts wegsteppen und beim Konter rasend schnell zum Gegner kommen, ohne die Deckung zu vernachlässigen.
Karls Kontrahent griff sofort an. Während er auf Karl losstürmte, holte er mit der rechten Faust weit aus, um sogleich einen finalen Treffer zu platzieren. Karl reagierte mit zwei schnellen Ausweichschritten nach rechts und sein Gegner kam durch die Wucht seines in die Leere gehenden Schlages fast aus dem Gleichgewicht. Das nutzte Karl, um ihm mit der linken Führhand einen Schlag an den Kopf zu versetzen. Dieser Jab genannte Schlag wird auf direktem Weg aus der Deckung geführt und bekommt Unterstützung aus dem Strecken des rechten Beins und einer leichten Drehung der Hüfte. Die Trefferwirkung blieb überschaubar, aber Karls Gegner war jetzt richtig wütend. Er stürmte erneut los. Karl wollte das Manöver wiederholen, aber er war nicht schnell genug und der Faustschlag traf auf seine zur Deckung hochgehaltenen Handschuhe. Der Schlag war so heftig, dass seine eigenen Handschuhe gegen das Gesicht prallten und die Nase zum Bluten brachten. Die Zuschauer johlten.
Karl hatte jetzt eine Ahnung davon, über welche Kräfte sein Kontrahent verfügte. Der sah sich auf der Zielgeraden und setzte nach. Jetzt musste Karl blitzschnell zurückweichen, um aus der Reichweite der wild geführten Schläge zu kommen. Er steppte zurück, trippelte um den Gegner herum und unternahm Scheinangriffe mit der Führhand während er darauf wartete, dass die Deckung des Gegners sich öffnete. Dieser griff unentwegt direkt an und versuchte Karl zu stellen. So bewegten sie sich mehrmals durch den gesamten virtuellen Ring. Das war kräftezehrend. Beide waren sie schweißgebadet. In einem sportlichen Wettkampf, bei dem es um Punkte gegangen wäre, hätte Karl sich stellen müssen, um mit kurzen schnellen Schlägen Punkte zu sammeln. Hier ging es aber um Wirkungstreffer. Da wagte er noch keinen direkten Angriff.
Bei einem größeren und schwereren Gegner muss man das Manko der geringeren Reichweite und Schlagkraft durch Schnelligkeit ausgleichen. Karl hatte gesehen, dass sein Gegner immer noch mit der Schlaghand weit ausholte statt seiner rechten Geraden ihre Wucht durch Drehung des Oberkörpers und der Schulter zu verleihen, den Schlag also aus der Hüfte zu führen. Man sah den Schlag deshalb frühzeitig kommen. Hier witterte Karl schließlich eine Chance, trotz der geringeren Reichweite an den Gegner heran zu kommen. Er ging auf Abstand und senkte für einen Moment seine Schlaghand. Das wirkte lässig und entspannt, er hatte dies bei Cassius Clay gesehen. Es symbolisierte dem Gegner, dass seine Angriffe harmlos sind und man auf sorgfältige Deckung verzichten könne. Das Gegenteil war natürlich der Fall, Karl musste bei dem deutlich größeren Gegner höchste Obacht auf die vollständige Deckung des Kopfes legen. Aber er wollte provozieren, um einen unbedachten Angriff auszulösen. Deshalb grinste er seinen Gegner herausfordernd an. Dieser nahm die Herausforderung an und attackierte sofort wutentbrannt. Wie erwartet drehte er die rechte Schulter und den rechten Arm erneut nach hinten, um mit voller Kraft zum Schlag auszuholen. Als der Arm nach vorne kam, wich Karl nicht zurück, sondern machte einen schnellen Schritt vorwärts, fiel dem Gegner mit seiner Führhand in den Arm und drückte diesen leicht nach außen. Jetzt war der Kopf des Gegners ohne Deckung und Karls rechte Gerade traf ihn mitten ins Gesicht. Als der Mann rückwärts taumelte, setzte Karl blitzschnell nach und hämmerte im Wechsel mit rechten und linken Doppelhaken auf Kopf und Körper ein. Ein glücklich geführter rechter Haken traf in die Magengrube und der Gegner faltete sich vornüber.
Jetzt war der Kampf eigentlich zu Ende, aber da Karls Kontrahent es nicht schaffte, den rechten Arm schnell genug auszustrecken, um sich zu ergeben, versetzte Karl ihm, während er noch in gebeugter Haltung nach Luft schnappte, einen mit aller Macht geschlagenen Uppercut, der den Kopf nach oben wirbelte. Dies sollte das Abschiedsgeschenk sein.
In einem regulären Wettkampf hätte sich das verboten, aber hier wurde ohne Ringrichter gekämpft und es ging nicht um sportliche Ehren, sondern um Revanche für eine Beschimpfung. Karl hatte keine Skrupel. Der „Nachschlag“ diente der Prävention. Wer glaubt, mit körperlicher Überlegenheit andere einschüchtern zu dürfen, musste mit grober Gewalt korrigiert werden.
Das Ausstrecken des rechten Arms hatte sich jetzt erübrigt, da Karls Gegner rückwärts gefallen war. Ein Auge war angeschwollen, Blut aus Nase und Lippen besudelte seinen Oberkörper. Einige Kollegen halfen ihm aufzustehen, und er trollte sich auf seine Stube. Karl war gespannt auf den nächsten gemeinsamen Wachdienst.
Nach achtzehn Monaten war der Spuk beim Bundesgrenzschutz zu Ende gegangen, und Karl hatte mit dem Sommersemester sein Studium zum zweiten Mal beginnen können. Das Leben war wieder schön. Als Karl über ehemalige Freunde in seinem Heimatort an der Mosel gehört hatte, dass seine Jugendfreundin Uta auch in Bonn studierte, hielt er dies für eine gute Gelegenheit, den Kontakt zu erneuern. Er hatte durch ein Telefonat mit ihrer Mutter in Erfahrung gebracht, dass sie für das Lehramt studierte und ein Appartement in der Schumannstrasse bewohnte. Das war von seiner Wohnung in Beuel aus eine knappe halbe Stunde zu laufen.
An einem sonnigen Nachmittag machte er sich auf den Weg. Er war sich nicht sicher, ob er sie antreffen würde, aber notfalls konnte er eine Nachricht hinterlassen. Er hatte überlegt, ob er einen kleinen Blumenstrauß mitbringen sollte, entschied sich dann aber für eine Flasche preiswerten Lambrusco; das erschien ihm weniger formell.
Als er am Hofgarten vorbeikam, dachte er an den gegen Ende des Sommersemesters hier stattfindenden Dies academicus. Die Hofgartenwiese musste sich noch von der im Mai stattgefundenen Kundgebung gegen die Notstandsgesetze erholen. Fünfzigtausend von der Außerparlamentarischen Opposition aktivierte Protestler hatten ihren Sternmarsch dort beendet und das Terrain übel zugerichtet. Sein Freund Hans hatte ihm von dem dies academicus erzählt, wobei er dieses Ereignis mit genießerischem Schmunzeln als „dies amorales“ bezeichnete. Karl nahm sich vor, Uta zu fragen, ob sie mit ihm zu der Veranstaltung gehen wolle.
Die Schumannstrasse war eine gutbürgerliche Gegend. Sie war gesäumt mit den sogenannten Bürgerhäusern aus der Zeit um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert, als wohlhabende Bürger und Adelige sich dort niedergelassen hatten. Es war die Zeit der „Rheinromantik“ gewesen, als Bonn bei einer Einwohnerzahl von etwas über siebzigtausend mehr als hundertfünfzig Millionäre aufwies. Die Millionäre waren inzwischen wohl weitergezogen, aber die Häuser waren gut unterhalten und verliehen der Südstadt immer noch ein Gepräge von bürgerlichem Wohlstand.
So verdienstvoll die Phase der Romantik für dieses nett anzusehende Stadtviertel war, so viel Unheil hatte ihre Philosophie in der Politik angerichtet. Karl erinnerte sich an den Romantiker und Führer des deutschen Idealismus Hegel, der als Sympathisant der französischen Revolution und als Bewunderer Napoleons in philosophischer Abgehobenheit die Auffassung vertreten hatte „ohne Krieg geht es nicht“, und an Popper, der die Philosophie der Romantik als „die größte intellektuelle und moralische Katastrophe, von der die deutsche und die europäische Intelligenz jemals heimgesucht wurde“, gebrandmarkt hatte. Die Geschichte hatte sich gerächt. Nur die Althegelianer waren der politischen Philosophie ihres Idols gefolgt und hatten die Ehre der Nation auf dem Schlachtfeld gesucht. Die Linkshegelianer dagegen hatten sich dem dialektischen Materialismus verschrieben, der die Grundlage des Marxismus bildet. Aber diese Gedanken verflogen schnell, als er sich dem Haus näherte.
„Ich habe deinen Besuch schon erwartet. Meine Mutter hat mir mitgeteilt, dass du dich nach meiner Adresse erkundigt hattest“, begrüßte Uta ihn lächelnd, „komm herein, wir haben viel zu erzählen. Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“
Karl hatte die Adresse und Utas kleines Appartement im zweiten Stock schnell gefunden. Er wusste aus früheren Zeiten, dass ihre Eltern ausgesprochen wohlhabend waren. Sie wohnten in einer repräsentativen Villa an der Mosel. Da konnte die Tochter nicht in einer sparsamen Studentenbude untergebracht sein. So erstaunte es ihn nicht, als er in einen gemütlich eingerichteten Wohnraum mit stilvollem Schreibtisch vor einem großen Doppelfenster und einer kleinen Sitzgruppe in der gegenüberliegenden Zimmerecke geführt wurde. Auf dem Parkettfußboden lag ein dicker Perserteppich und neben dem Fenster stand eine Zimmerpalme. Durch einen offenen Türrahmen blickte man in eine Miniküche, eine weitere Tür führte zum Schlafzimmer mit Dusche und WC. Diese Unterkunft spielte in einer anderen Liga als sein Hans-Kohabitations-Domizil in Beuel.
Karl antwortete lachend:
„Schätzungsweise vier Jahre, du warst noch ein Teenager und gingst am Sonntag artig in die Kirche“.
Jetzt konnte von Teenager keine Rede mehr sein. Karl sah sich einer überaus attraktiven und selbstbewussten jungen Frau gegenüber. Das hatte er so nicht erwartet. In der Zeit ihrer Pennäler-Freundschaft hatte sie Faltenröcke getragen, die über das Knie reichten, dunkle Pullover mit weißem Kragen, und Kosmetika waren ihr fremd gewesen. Ihre Anziehungskraft hatte sie aus ihrem offenen Wesen und ihrer direkten lebensbejahenden Art geschöpft. Die Metamorphose von der Gänseliesel zur Prinzessin war perfekt. Ihr ehemals brünetter naturbelassener Lockenschopf war einem modischen Kurzschnitt mit leichter Tönung gewichen, sie trug enganliegende Jeans, die ihren Hüftschwung und ihre schon immer wohlgeformten Schenkel zu einem aufregenden Blickfang werden ließen, darüber einen kanariengelben Pullover mit angedeutetem Ausschnitt. Ihre Lippen waren in mattem Rosé geschminkt, die äußeren Lippenkonturen schwarz nachgezogen und das Augen-Make-up dürfte vom Einklopfen der Augencreme bis zum Auftragen der Mascara mindestens sechs Arbeitsschritte erfordert haben. Sie sah hinreißend aus, und Karl spürte wie ein wohliger Schauer über seinen Rücken kroch. Gleichzeitig beschlich ihn das beklemmende Gefühl, dass sie ihre Freizeit wohl eher in eleganten Clubs mit der Jeunesse dorée als auf der Hofgartenwiese mit knapp alimentierten Studenten verbringen würde.
„Komm, setz dich“, forderte Uta ihn auf, „ich mache uns einen Kaffee. Erzähle mir, was du seit unserer Zeit an der Mosel getrieben hast. Wenn ich deine Figur so sehe, muss es mit viel Sport zu tun gehabt haben“.
Bevor Karl antworten konnte, fuhr sie lebhaft fort:
„Ich war nach dem Abitur erst einmal für anderthalb Jahre in England. Das war mir wichtig, ich musste aus der häuslichen Enge herauskommen. Du kennst ja mein erzkatholisches Elternhaus. Angefangen hatte ich mit einem Sprachkurs in Eastbourne, dann ging es nach London. Das war eine gute Zeit“.
„Und was hast du dort gemacht?“, fragte Karl.
Uta lachte leicht verlegen und sagte ausweichend:
„Na ja, dies und das. Danach habe ich hier in Bonn mit dem Studium an der Pädagogischen Hochschule angefangen“.
„Warum nicht Medizin, du hättest doch die Praxis deines Vaters übernehmen können?“, warf Karl ein.
„Ja, das war irgendwann einmal der Plan, aber als ich mit dem Abiturzeugnis nach Hause kam, ist meinem Vater der Glaube an ein erfolgreiches Medizinstudium abhandengekommen. Es gab eine kleine Auseinandersetzung, an deren Ende ich den Entschluss fasste, erst einmal ins Ausland zu gehen. Und du? Du wolltest dich doch in Mainz für Medizin einschreiben. Was ist daraus geworden?“
Karl räusperte sich verhalten:
„Als ich gehört hatte, dass bis zum Vorphysikum nur Biologie, Physik und Chemie auf dem Stundenplan stehen, habe ich die Flucht ergriffen und mich für Jura entschieden. Das mache ich jetzt, seit kurzem auch mit gesteigertem Eifer, weil ich vom BAFöG leben muss und einen Leistungsnachweis zu erbringen habe“.
Uta unterdrückte ein verschmitztes Grinsen und sagte:
„Ich hatte zuhause schon gehört, dass die Firma deines Vaters nicht mehr existiert. Da habe ich mir Gedanken gemacht, wie der Sonnyboy unserer Teenagerzeit damit zurechtkommt“.
Karl protestierte:
„Du tust mir Unrecht, ich war als Junge überaus ernsthaft, eher ein verlegener und introvertierter Typ. Die Freundschaft mit dir hatte mir überhaupt erst etwas Selbstwertgefühl vermittelt“.
Jetzt lachte Uta mit einem bitteren Unterton.
„Dann diente der Flirt mit der Schwester deines französischen Freundes an jenem Sylvesterabend in deiner Kellerbar auch nur der Stärkung dieses Selbstwertgefühls? Du hast gedacht, das wäre mir verborgen geblieben, weil ich nicht da war? Deine guten Freunde waren auch meine Freunde, einer von ihnen hat mich aufgeklärt. Und als du später deinen englischen Roadster bekamst, wir waren ja nicht mehr zusammen, hörte ich immer nur, wie die Mädels von dir erzählten. Da hättest du mal nach meinem Selbstwertgefühl fragen sollen“.
Das Gespräch nahm eine unangenehme Wendung. Karl suchte schnell nach einem anderen Thema.
„Ich bin der Medizin verbunden geblieben. In der Uniklinik mache ich gelegentlich Nachtwache auf der Intensivstation, um etwas dazu zu verdienen“.
Uta nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse und blickte ihn erstaunt an.
„Die nehmen doch nur Medizinstudenten. Dachte ich jedenfalls“.
„Das stimmt, aber mein Freund Hans, mit dem ich eine Wohnung teile, macht Medizin und hat mich dort eingeschleust, indem er mich als Jurastudenten für Forensik vorstellte“.
„Oh Gott, die armen Patienten“, äußerte Uta mit gespieltem Entsetzen.
„Nun ja, die Mortalitätsrate ist dort ohnehin hoch“, entgegnete Karl, „man hat mir eingetrichtert, dass die Dokumentation des Todeszeitpunktes wichtig ist. Bis dahin messe ich den Blutdruck und die Körpertemperatur, kontrolliere die eingehenden und abfließenden Flüssigkeiten und sauge bei intubierten Patienten den Schleim ab. Es gibt zwei Mark sechzig pro Stunde und eine warme Mahlzeit um Mitternacht. Aber ich sage dir, wenn ich morgens die Klinik verlasse, fühle ich mich trotz knapper Kasse wie ein König“.
„Und dein Studium? Kommst du zurecht?“, fragte Uta.
„Klar, auch wenn das ein kleiner Schock war, als ich erkennen musste, dass ich finanziell auf mich allein gestellt sein würde. Aber vielleicht war der Schock heilsam, weil ich bis dahin fröhlich in den Tag hinein gelebt hatte. Nachdem ich das Studium nun ernsthaft betreibe, habe ich mich mit einem Kommilitonen angefreundet. Dessen Vater ist beim Bundesgerichtshof der Chefpräsident. Der Junge legt einen Eifer an den Tag, dass einem schwindelig wird, aber er zieht mich mit. Und das Erstaunliche ist: wenn man erst einmal gewisse Zusammenhänge in der juristischen Materie erkannt hat, wird das richtig spannend. Ich bin inzwischen voll dabei“.
„Dann bleibt dir für Mädels wohl keine Zeit mehr?“, wollte Uta wissen. Dabei blickte sie ihn forschend an.
Karl wurde unsicher. Was wollte sie hören? War das Small-Talk oder steckte echtes Interesse dahinter? War es besser, den abgebrühten Don Juan zu spielen oder wahrheitsgemäß zu gestehen, dass die unsägliche Zeit beim Bundesgrenzschutz alle Sehnsüchte nach zarten Banden im Keim erstickt hatte? Er war von Utas gewandelter Erscheinung so tief beeindruckt, dass er auf keinen Fall die Chance verspielen wollte, an vergangene Zeiten anknüpfen zu können, besser noch, die Gefühle einer Jugendliebe zu vertiefen.
„Heute habe ich auf jeden Fall Zeit“, gab er schließlich mit gewinnendem Lächeln zur Antwort, „als ich gestern Abend beim Kartenlegen die Herzdame zog, wusste ich, dass ich dich heute besuchen muss“.
Jetzt blickte Uta ihn mit ironischem Lächeln an.
„Meine Mutter hatte Recht“, sagte sie, und als Karl sie mit erstaunt fragendem Gesichtsausdruck ansah, fuhr sie fort:
„Als sie mir von deinem Anruf berichtete, warnte sie mich davor, noch einmal auf dich hereinzufallen“.
Karl lehnte sich vor und ergriff ihre Hand.
„Besteht denn die Gefahr?“, fragte er leise, „eine so wundervolle Frau wie du kann sich doch nur im Märchen in einen Bettelstudenten verlieben. Nein, deine Mutter hat sich umsonst gesorgt“.
Utas Gesichtsausdruck war ernst geworden. Langsam zog sie ihre Hand zurück und sagte schließlich mit leicht vibrierender Stimme:
„Es gab eine Zeit, da hätte ich dir die Pest an den Hals wünschen mögen, und jetzt…“
Dabei ergriff sie seine noch auf dem Tisch liegende Hand wieder und streichelte sie zärtlich. Karls Herz tat einen Sprung, ihm war zumute, als verdichtete sich alles Glück seines Lebens auf diesen Moment, er fühlte diesen magischen Augenblick, der einem nur wenige Male im Leben zu Teil wird. Kann sich der graue Alltag so schnell ändern? Als er von seiner Wohnung losgegangen war, hatte ihn die Neugierde umgetrieben, wie das Wiedersehen mit seiner Jugendfreundin verlaufen würde. Zwar hatte er gehofft, die verblichene Freundschaft ihrer Jugendzeit so weit erneuern zu können, dass er einen gelegentlichen Anlaufpunkt in der Freizeit hätte. Es war einfach angenehmer, in Studentenkneipen oder auf Veranstaltungen mit Begleitung aufzutreten. Es hätte ihn aber nicht destabilisiert, wenn es bei einem unverbindlichen Small-Talk über vergangene Zeiten geblieben wäre. Diese etwas indifferente, seiner stoisch geprägten Lebenseinstellung folgende Grundhaltung hatte sich schlagartig geändert, als Uta ihm die Tür geöffnet und er sich einem Fabelwesen gegenüber geglaubt hatte. Je länger er sie während ihrer Unterhaltung betrachtet hatte, desto mehr fühlte er sich zu ihr hingezogen. Seine Gefühlswelt war in Wallung geraten. Es konnte für einen Mann nur noch ein Ziel geben, nämlich dieser Frau so nah wie möglich zu kommen, ihre Zuneigung zu gewinnen und mit ihr eine Zukunft zu planen. Karl war aber vernünftig genug, zu sehen, dass seine Jugendfreundin inzwischen auf einer anderen Wolke schwebte als er; was hatte er denn außer schmachtenden Blicken anzubieten? Im Grunde hatte er sich schon damit abgefunden, dass es für ihn wohl dabei bleiben würde, das Götterbild der Venus anzubeten. Und nun ergriff sie seine Hand, und Karl glaubte, in ihren Augen zu sehen, dass diese Geste nicht von Mitleid getragen war, sondern dass sie noch etwas für ihn empfand. Das fühlte sich an, als würde man aus dem Hades in den Olymp gehoben. Er genoss den Augenblick und dankte den Göttern für ihre Gunst.
Aber die Götter sind eine verlogene Gesellschaft, die mit den Menschen ihr Spielchen treibt.
Utas Augen bekamen einen melancholischen Ausdruck und sie sagte leise:
„Es wäre schön mit uns beiden, aber ich habe mich in London verlobt“.
Der Olymp stürzte ein und begrub Karl in den Trümmern. Er sah ein dorisches Kapitell auf sich zukommen, das erst seinen Kopf und dann sein Herz zertrümmerte. So jedenfalls fühlte es sich für ihn an.
Später auf dem Heimweg kam ihm auf der Kennedy-Brücke ein kühler Abendwind entgegen. Das war wohltuend und seine innere Verkrampfung löste sich. Er fragte sich selbst, „was hast du gedacht? Im Frauenkloster wird man nicht zur begehrenswerten Schönheit, das hat immer mit Männern zu tun“. Ihm kamen die remedia amoris von Ovid in den Sinn. Was hatte der auch wieder als Heilmittel gegen Verliebtheit empfohlen? Er nahm sich vor, das nachzulesen. Dieser antike Schlingel hatte doch in einem seiner Werke, der ars amatoria, Ratschläge erteilt, wie man sich Liebesglück erschließt, um in einem nachfolgenden Werk den Rückweg aufzuzeigen. Ovid hatte zwar zur Lektüre im Lateinunterricht gehört, aber an Karls Klosterschule waren nur ausgewählte und zensierte Textstellen vorgelegt worden. Ihm gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Vielleicht sollte er sein „Projekt Uta“ nicht nach dem ersten Gegenwind aufgeben? Immerhin hatte sie eingewilligt, mit ihm zum dies academicus auf die Hofgartenwiese zu gehen. Und zum Kaffee durfte er auch wieder vorbeikommen.
Als er seinem Freund Hans von der Geschichte erzählte, tröstete dieser ihn mit der praktischen Seite des Lebens:
„Dann kommst du doch noch für eine Tochter unserer Vermieter in Betracht“.
Das war nun aber eine Option, für die der unglücklich verliebte Karl überhaupt keinen Sinn hatte. Er schimpfte seinen Freund einen Idioten, stürzte noch zwei Flaschen Bier in sich hinein und nahm sich vor, am nächsten Morgen um acht Uhr in der Uni zu sein.
Alles wurde schwer. Ob er in einer Vorlesung oder im juristischen Seminar saß, immer schweiften seine Gedanken ab. Er gab sich Mühe, auf andere Gedanken zu kommen. Einmal hatte er zufällig einen Sitzplatz neben einer hübschen blonden Kommilitonin eingenommen und versuchte, auf sich aufmerksam zu machen, indem er ihr ein VIVIL-Pfefferminz anbot. Sie nickte ihm freundlich bejahend zu und sagte:
„Aber bitte nicht das erste, das schmeckt immer nach Hosentasche“.
Nach der Vorlesung gingen sie gemeinsam plaudernd über den Campus. Karl war gerade im Begriff, einen gemeinsamen Abend in einem Studentenlokal in der Innenstadt vorzuschlagen, als sie sich hastig verabschiedete und freudestrahlend auf einen jungen Mann zulief, der ihnen von weitem entgegenkam. Als sie ihn umarmte, warf Karl seine VIVIL-Packung angewidert in den nächsten Papierkorb.
Bei schönem Wetter pflegte er gelegentlich zum Venusberg zu fahren und auf der Uni-Sportanlage fünftausend Meter zu laufen. Als er merkte, dass es seinem Gemüt gut tat, sich körperlich auszupowern, beschloss er, auch in der Boxtrainings-Gruppe der Uni mitzumachen. Bloß keinen Leerlauf zulassen, der zum Grübeln verführt. Sein Freund Hans war auch keine große Hilfe. Dieser war mit der exklusiven Nutzung des gemeinsamen Wohnzimmers intensiv befasst. Hanne kam regelmäßig am frühen Nachmittag nach ihren Vorlesungen, Kursen oder Seminaren vor dem Heimweg nach Bad-Godesberg vorbei und Karl stand wiederholt vor der Krawatte am Türgriff. Er zog sich anfangs in Wartestellung in sein Schlafzimmer zurück, aber das war auch keine Dauerlösung, weil Hans und Hanne sich nach der Geräuschkulisse zu urteilen in einem fortgeschrittenen Stadium der ars amatoria befanden. Irgendwann sprach er Hans an:
„Kennst du die Viertausend-Schuss-Theorie?“
Hans sah ihn argwöhnisch an.
„Willst du dich in mein Sexualleben einmischen?“, fragte er.
„Liebend gern“, antwortete Karl, „deine Hanne ist ohne Frage eine attraktive Frau, aber neben der Sorge um deine Ressourcen treibt mich vor allem die Sorge um meine Ruhe. Unsere Bude ist nun einmal extrem hellhörig“.
Hans blickte verlegen vor sich hin und dachte nach.
„Also, zu wissen, dass du nebenan alles mithören kannst, ist kein tragbarer Zustand. Da riskiere ich noch einen Interruptus. Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn du nach Hause kommst und die Krawatte hängt an der Tür, gehst du ins Bahnhöfchen bis ich vorbeikomme. Deine Zeche während der Wartezeit übernehme ich bis zu drei Bier“.
Das war eine ungewöhnliche aber akzeptable Lösung.
Es vergingen Wochen, in denen Karl nichts von Uta hörte. Er vermied es auch, von sich aus den Kontakt zu suchen. Er hatte eine Klausur geschrieben, auf die er sich intensiv vorbereitet hatte. Als er ein „befriedigend“ erreichte, stellte ihn das zwar nicht zufrieden, aber er lag damit schon leicht über dem Durchschnitt. Ihm dämmerte allmählich, dass es erheblicher Anstrengungen bedürfte, ein Prädikatsexamen zu erreichen und damit die Chance zu erkämpfen, wieder auf das gesellschaftliche Niveau seiner Jugendfreundin Uta zu gelangen. Dieses Ziel trieb ihn an und es war vielleicht gut für seinen Lerneifer, dass er nicht in die Zukunft blicken konnte, die ihm gezeigt hätte, dass trotz Prädikatsexamina und Promotion Uta aus seinem Leben verschwunden war.
In diesen Wochen traf er eines Tages in einer Vorlesung Frieder, einen Ko-Abiturienten, der es nach zweijähriger Dienstzeit bei der Bundeswehr zum Leutnant der Reserve gebracht und danach mit dem Jurastudium begonnen hatte. Sie hatten sich viel zu erzählen. Als Karl vorschlug, gemeinsam in die Mensa zum Mittagessen zu gehen, lud Frieder ihn ein, in seinem Verbindungshaus mit ihm zu speisen.
„Ich bin Mitglied der Alemannia Bonn“, sagte er, „da wird mittags für alle gekocht, und einmal im Monat darf jeder einen Gast mitbringen“.
Karl blickte ihn amüsiert an.
„Du hast wohl nach unserer Klosterschule und dem Militär noch nicht genug von sich schlagenden Männerbünden. Wie bist du denn dahin geraten?“
Frieder blickte etwas irritiert, dann erwiderte er ernsthaft:
„Mein Vater war schon dort, und na ja, wir sind eine katholische Vereinigung, aber nicht schlagend. Die Mitgliedschaft hat Vorteile, wir haben ein sehr schönes Haus hier in der Nähe mit preiswerten Zimmern, und du wirst sehen, das Essen ist um Klassen besser als in der Mensa. Aber wir müssen uns beeilen, ich bin noch Fuchs und muss beim Servieren helfen“.
Karl ließ sich mitschleppen.
Das Burschenschaftswesen war ihm fremd. Er hatte vor dem Abitur, als er noch in Mainz Medizin studieren wollte, eine Einladung von der Burschenschaft eines Freundes seines Vaters angenommen. Er konnte sich aber schon mit dem förmlichen Getue untereinander und den bunten Schärpen, Mützen und Zipfelbünden nicht so recht anfreunden. Als er dann mit ansah, wie die „Herren Kommilitonen“ und deren „Alte Herren“ sich in strammer Haltung mit abgewinkeltem Ellenbogen literweise Bier in den Kopf schütteten, stand für ihn fest:
„Bevor ich diesen Zirkus mitmache, werde ich Friseur“.
So betrat er mit gemischten Gefühlen das Verbindungshaus von Frieder. Der Bau war allerdings prächtig, ein großes altehrwürdiges Haus aus der Zeit, als das Studium noch ein Privileg des gehobenen Bildungsbürgertums war. Durch die Eingangstür betrat man ein Foyer von der Größe einer Kapelle, in dem mehrere niedrige Tische mit Sitzgelegenheiten aufgestellt waren. An den Wänden hingen goldgerahmte Abbildungen von Mitgliedern in vollem Wichs, der Festkleidung der Chargierten. Der Raum hätte eine eindrucksvolle, von Tradition getragene Würde ausgestrahlt, wären da nicht die „Herren Kommilitonen“ gewesen. An einigen Tischen saßen Dreier- oder Vierergruppen, die mit einer Bierflasche vor sich emsig damit befasst waren, Karten zu spielen. Einige blickten kurz auf und begrüßten Frieder mit einem Kopfnicken, dann konzentrierten sie sich wieder auf ihr Kartenspiel. Karl registrierte für sich, dass man als Verbindungsstudent den Universitätsbetrieb als bloße Empfehlung ansehen durfte. Er gestand sich zwar ein, dass er selbst vor einiger Zeit auch das Studium noch sträflich locker gesehen hatte, aber den Tag mit Biertrinken und Kartenspiel zu verbringen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Frieder machte ihn mit einem milchbärtigen Jungen bekannt:
„Darf ich dir unseren Fuchsmajor vorstellen?“, sagte er in fast militärischer Haltung.
„Ich freue mich, Sie bei uns begrüßen zu dürfen“, antwortete der Milchbart freundlich, und zu Frieder gewandt „Fuchs, führen Sie unseren Gast im Haus herum, und dann kommen Sie in den Speisesaal“.
Frieder führte Karl durch den Aufenthaltsraum, eine kleine Bibliothek, in die man sich zum Studieren zurückziehen konnte, zeigte ihm sein eigenes Zimmer und die Duschen, dann gingen sie zum Essen. Der Fuchsmajor hatte die Stirnseite eines großen Tisches eingenommen, an dem ein gutes Dutzend Studenten saß. Nach dem Tischgebet erhoben sich zwei Studenten, einer davon war Frieder, um das Essen aus der Küche zu holen. Frieder, Leutnant der Reserve, setzte dem milchbärtigen Fuchsmajor seine Mahlzeit mit dem ergebenen Eifer eines Rekruten vor, der um die Gunst seines Zugführers buhlt. Als der Fuchsmajor dann noch meckerte „Sie sollten sich mit dem Servieren etwas beeilen, das Futter ist ja schon fast kalt“, musste Karl sich einen Lachanfall verkneifen. Er dachte bei sich, dass kein noch so schönes Verbindungshaus eine solche Erniedrigung rechtfertigen könne.
Das Essen war gut, Karl hatte schon lange nicht mehr so fürstlich gespeist. Er bedankte sich zum Abschied artig, und auf die Frage des Fuchsmajors, ob er wiederkommen und vielleicht erwägen wolle, einen Aufnahmeantrag zu stellen, antwortete er:
„Das würde ich sehr gerne, ich muss darüber aber erst mit meinem Vater sprechen, der ist bekennender Lutheraner“.
Das freundliche Lächeln des Fuchsmajors erstarb.
Als er mit Frieder alleine war, sagte Karl ihm zum Abschied:
„Du wärst besser beim Bund geblieben, da hättest du dir das Essen im Offizierskasino servieren lassen können“.
Das Semester ging auf sein Ende zu und der dies academicus kam näher. Karl war unschlüssig, ob er bei Uta die gemeinsame Teilnahme in Erinnerung bringen sollte. Er entschloss sich dagegen. Es machte keinen Sinn, romantischen Träumereien ohne wirkliche Perspektive nachzuhängen. Als mittelloser Student hatte man sein Liebesleben eben pragmatisch im Rahmen zufälliger Gelegenheiten zu organisieren, und viel Zeit ließ der anspruchsvolle Studienplan ohnehin nicht. So war Karl im Begriff, sein Seelenleben ins Lot zu bringen. Aber die Götter trieben ihr Spiel mit ihm weiter.
„Karl, da steht ein Cabriolet vor der Tür und eine junge Dame hat nach dir gefragt“.
Hans hatte im Laufschritt die Treppe zu ihrer Wohnung erklommen und stand außer Atem in der Tür.
„Ich glaube, das ist die Uta. Sie wollte nicht mit heraufkommen, du sollst zu ihr nach unten kommen“.
Karl war schon auf dem Treppenabsatz und eilte in Sprüngen von jeweils mehreren Stufen zur Haustür. Da stand tatsächlich ein Karmann-Ghia-Cabrio mit offenem Verdeck am Bordsteinrand und Uta winkte ihm fröhlich vom Fahrersitz aus zu.
„Komm steig ein, ich lade dich zu einer kleinen Spritztour mit Kaffee und Kuchen ein“.
„Ich wusste gar nicht, dass du ein Auto hast“, sagte Karl. Er war so überrascht, dass ihm keine charmantere Begrüßung einfiel. Uta hatte die Beifahrertür geöffnet und er stieg ein. Als er sie ansah, war alles, was ihm die Lehre der Stoa zur Rettung seines seelischen Gleichgewichts nahegelegt hatte, vom Winde verweht. Das carpe diem der Hedoniker hatte ihn kampflos überrannt. Uta hatte ihre Haare jetzt unter einem Kopftuch verborgen und sie trug eine sportliche Lederjacke mit hochgeklapptem Kragen. Ihre Sonnenbrille war nach oben geschoben und sie hatte einen Handschuh ausgezogen, um ihm die Hand zu reichen. Ein zarter Hauch ihres Parfüms stieg Karl in die Nase und er überlegte erschrocken, wann er zuletzt gebadet hatte.
„Du treulose Tomate hast mich wohl vergessen“, erwiderte sie mit gespielt vorwurfsvollem Unterton, „wir müssen das mit dem dies academicus noch besprechen“.
Dann lachte sie und Karl fragte sich, wieso er in der Zeit ihrer Jugendfreundschaft nicht dieses strahlend weiße Gebiss bemerkt hatte. Er versuchte sich zu erinnern, wie ihre Küsse geschmeckt hatten.
„Ich hätte mich morgen oder übermorgen bei dir gemeldet“, sagte er etwas lahm, „wo fahren wir hin?“
„Nach Köln, da gibt es in Rodenkirchen ein schönes Café am Rheinufer. Oder hast du keine Zeit?“
Natürlich hatte er für Uta alle Zeit der Welt. Er fand allmählich seine Kontenance wieder und sie erzählten sich von ihren Erfahrungen in den Vorlesungen, wie alte Freunde, deren Vertraulichkeiten auf Kumpanei beschränkt sind. Karl hätte gerne etwas über ihren Verlobten gehört, aber er sprach dies geflissentlich nicht an.
Als sie ihn abends wieder an seiner Wohnung absetzte, hatten sie verabredet, dass Karl sie abholen würde und sie gemeinsam zum dies academicus auf der Hofgartenwiese gehen wollten. Keiner von ihnen ahnte, welches Abenteuer sie erwartete. Sie waren beide politisch wenig interessiert und hatten von der sich in linken Studentenkreisen ausbreitenden Unruhe wenig Notiz genommen. Karl wusste von Hans, dass eine „SDS-Gruppe Bonn“ als Autorenkollektiv ein Pamphlet zur repressiven Universität herausgegeben hatte, dass ein Sit-in gegen den amtierenden Rektor stattgefunden hatte und dass zum Jubiläum der Uni randalierende Studenten sich mit einem Rammbock Zugang zum Festakt in der Aula verschaffen wollten. Er hatte in einer Vorlesung seines Lieblingsprofessors Flume auch erlebt, dass ein Student mit Zwischenrufen Krawall machte, dieser aber von einigen RCDS-Kommilitonen unsanft vor die Tür gesetzt worden war. Ansonsten blieb das Juridicum ein Hort der Ruhe und der wissenschaftlichen Konzentration.
Randale im Hofgarten
Karl war gegen acht Uhr bei Uta. Sie machten sich auf den Weg zum Hofgarten. Sie liefen die Kaiserstraße entlang und bogen dann rechts zum Hofgarten ab. Uta erzählte von zu Hause. Ihre Schwester hatte einen neuen Freund, dem ihr Vater aber sehr reserviert gegenüberstand, weil er der Künstlerszene angehörte. Er malte und war damit befasst, neue Techniken zu entwickeln. Das war keiner der klassischen akademischen Berufe, auf die ihr Vater hohe Stücke hielt. In seinem Weltbild gab es Mediziner, Juristen, Chemiker, Physiker und Ingenieure, der Rest zählte zum Tross, und Künstler dienten der Unterhaltung, ähnlich den Hofnarren in früherer Zeit.
„Das war sehr peinlich, als der junge Mann seinen Antrittsbesuch machte“, sagte Uta, „ich war an dem Wochenende auch zuhause und habe das Drama in der ersten Reihe miterlebt. Meine Mutter war ausgesprochen freundlich, der Junge sah auch gut aus, etwas zu lange Haare vielleicht, aber das ist normal. Meinem Vater konnte ich schon bei der Begrüßung ansehen, dass die Chemie nicht stimmte. Aber meine große Schwester hatte schon immer einen Hang zu ausgeflippten Typen“.
Sie liefen ein Stück schweigend weiter, als Uta unvermittelt sagte:
„Dich mochte mein Vater übrigens. Er hatte mir später irgendwann einmal gesagt, es sei schade, dass du nicht mehr kommst“.
Karl sah die Gelegenheit, seine Neugierde in Bezug auf Utas Verlobten zu stillen.
„Was sagt er denn zu deinem Verlobten?“
Aber Uta lachte nur leise und antwortete: ........

Für wen unsere Bücher geschrieben sind
"Die Kinder Karls des Großen" ist ein glühendes Bekenntnis zur westeuropäischen Völkerfamilie. "Die Befreiung vom Müll" schildert KARLs Berufsweg in die Müllmafia und seinen Weg heraus. "Carolus studiosus" ist ein humorvoller und leicht satirischer Campus-Roman über das Erwachsenwerden im akademischen Umfeld. Alle Bücher wenden sich an Leserinnen und Leser, die humorvolle akademische Lebensgeschichten schätzen und sich gerne von geistreichem Witz unterhalten lassen.

Botschaften, die bewegen
Alle Erzählungen durchzieht das Bekenntnis des Autors zum sogenannten "Goldenen Weg der Mitte". Diese Grundeinstellung spiegelt sich in der Überzeugung wider, dass Toleranz und Humor, ungeachtet der ernsten Herausforderungen des Lebens, niemals verloren gehen dürfen. Das Glück als Lebensziel finden wir im Wechselbad zwischen Stoa und Hedonismus. Entdecken Sie Geschichten, die zum Nachdenken anregen und gleichzeitig ein Lächeln auf Ihr Gesicht zaubern.
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